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Für Unternehmen: Leitfaden für Streit mit Bloggern

9 September 2009 37 Kommentare

failEs ist schon erstaunlich: Seit Jahren dokumentieren verschiedenste Blogger Fälle, bei denen sich Unternehmen in die sozialmedialen Nesseln setzen. Von Vodafail, über die Bahn bis hin zur FDP gibt es tonnenweise Beispiele, wie man es nicht machen soll, im Umgang mit Bloggern, Communities oder Youtube. Es ist wirklich nicht schwer an diese Worst-Practice-Beispiele hernazukommen. Einmal Google bemühen und schon findet man mehr Material als man verkraften kann. Und man bekommt ein Gefühl dafür, wer bei Streitigkeiten zweischen Bloggern und Unternehmen öfter gewinnt. Nicht juristisch, aber in der Öffentlichkeit.

Zu einer juristischen Auseinandersetzung kommt es oft garnicht, weil der öffentliche Druck auf das Unternehmen und der damit einhergehende Image-Schaden viel zu groß ist. Deswegen war ich schon etwas überrascht, als de Sportartikelhersteller JAKO in die Juristenfalle tappte und sich damit in der Öffentlichkeit eine derart blutige Nase holte, dass man fast schon wieder Mitleid mit den Leuten dort bekommen könnte. Zum Thema JAKO ist alles gesagt worden. Aber es bleibt die Frage: Warum machen Unternehmen das? Unwissenheit? Hybris? Man weiß es nicht. Darum publiziere ich hier (nur für alle Fälle) einen Leitfaden für Unternehmen für den Streit mit Bloggern. Wenn Sie also einmal einen unliebsamen Blogger haben, der unliebsames über sie schreibt, dann könnten Sie wiefolgt vorgehen:

  1. Bitte bitte bitte (mit Sahne oben drauf) lassen Sie den Anwalt weg. Auf abmahnende Unternehmen reagiert die Community ungefähr so, als würden Sie im Ku-Klux-Klan-Gewand in einen Gospel-Gottesdienst gehen. Das können Sie nicht gewinnen. Zumal die Mainstream-Medien mitlerweile auf den Zug aufspringen und auch allen Nicht-Web-2.0-Menschen erklären, was Sie für eine Schweinefirma sind.
  2. Schlafen Sie eine Nacht drüber: Ehrlich, es ist egal. Der Kommentar oder der Blogpost ist bereits im Netz. Google hat ihn bereits indiziert und in seinen Cache geladen und die verschiedensten Aggregatoren haben ihn bereits weiterverbreitet. Sie bekommen das mißliebige Posting sowieso nicht mehr vollständig raus aus dem Netz. Wenn Sie aus Ärger/Angst/Frust/verletztem Stolz handeln, machen Sie Fehler. Dann sind sie nicht objektiv und wollen vielleicht Rache. Und das rächt sich dann. Bleiben Sie cool!
  3. Wenn Sie jetzt cool sind fragen Sie sich: Wer ist die Type, die mich hier durch den Kakao zieht? Recherchieren Sie ein bisschen. Schauen Sie bei Technorati, bei Twitter, Facebook, StudiVZ, Xing, 123people usw. nach, wer der Mensch ist. Lesen Sie ausführlich das Blog des Schmierfinken. Dann bekommen Sie einen besseren Eindruck davon, wer der Typ ist, wie stark seine Community ist und ob sich da überhaupt Menschen herumtreiben, die Ihre Zielgruppe sind. Messen Sie die Relevanz des Blogs. Zum Beispiel bei Google, Technorati, blogoscoop oder rivva, um eine Vorstellung von der Größe der Leserschaft zu erhalten.
  4. Nach der Recherche und mit dem neuen Wissen, fragen Sie sich: Muss ich überhaupt intervenieren? Das Internet ist die Gesellschaft. Der Anteil an Idioten ist in etwa gleich groß. Man muss nicht jeden Deppen wegklagen, die User wissen ganz genau, wem man trauen kann und wem nicht. Idioten werden nicht gelesen (außer von anderen Idioten).
  5. Wenn Sie jetzt zu der Überzeugung gelangt sind, dass Sie intervenieren müssen. Dann Reden Sie! Und zwar mit dem Verursacher.  Sie haben zwei einfache Möglichkeiten, wie Sie das tun können: Öffentliche Rede: Outen Sie sich in einem Kommentar als Vetreter Ihrer Firma und erklären Sie, warum das Posting Ihrer Meinung nach falsch/unfair/ungerechtfertigt usw. Bleiben Sie dabei sachlich und argumentativ. Beschimpfen ist eher kontraproduktiv. So können Sie die Diskussion in die Öffentlichkeit zurücktragen und machen ihre Argumente auch den Lesern des Bloggers deutlich. Anderenfalls überlassen Sie ihm die Deutungshoheit.Direkter Kontakt: Wenn Sie direkt mit dem Blogger sprechen möchten, dann tun Sie dies nie per E-Mail. Die kann nämlich einfach als Kopie im Blog landen. Versuchen Sie im Gespräch, die Argumente der Gegenseite zu entkräften und ihn zu veranlassen zumindest ein Update zu seiner Geschichte zu bringen. Laden Sie ihn ein, sich vor Ort ein Bild von Ihrem Unternehmen zu machen. Es gibt den interessanten Effekt, das Menschen, wenn Sie ein Gesicht und den Menschen kennen, nicht mehr ganz so hart zuschlagen.
  6. Wenn das alles nichts geholfen hat, überlegen Sie sich nochmal genau die Punkte 1. und 4. und erst dann, wenn es wirklich keinen anderen Ausweg gibt, erst dann holen Sie sich den Anwalt. Machen Sie sich auf ein bisschen Turbulenz gefasst, denn die wird kommen.
    Interessant in diesem Zusammenhang wäre übrigens dann auch eine Vorwärtsverteidigung. Wenn Sie schon ein Blog haben, greifen Sie das Thema gleichzeitig auf und erklären Sie, warum sie dem Typen jetzt, nach allen anderen vergeblichen Versuchen und unter Bauchschmerzen jetzt doch mit dem Anwalt auf die Pelle rücken müssen. Wenn der Typ wirklich so renitent ist und Sie objektiv die guten Argumente auf Ihrer Seite haben, dann wird auch die Community zumindest in großen Teilen Verständnis für Sie aufbringen. (siehe Punkt 4.)

Bild: CC-by http://www.flickr.com/photos/fireflythegreat/