Die Story, die nie eine wurde

Habe ich mein Gespür für Geschichten verloren? Seit ein paar Tagen beginne ich an mir selbst zu zweifeln. Ich habe mir sogar die gute alte Theorie der Nachrichtenfaktoren wieder ins Gedächtnis gerufen (was nebenbei beweist, dass Auswendig lernen vor einer Klausur keinen nachhaltigen Lern-Wert mit sich bringt). Das hier hat mich ins Grübeln gebracht:

Frank Schirrmacher ist eine öffentliche Person. Er ist Mitherausgeber der FAZ und definiert sich gerne als Sprachrohr der denk-konservativen Internetskeptiker dieser Republik. Auf der anderen Seite ist da Hans-Olaf Henkel, Ex-IBM-Top-Manager, Ex BDI-Chef und Sprachrohr von – ja von wem eigentlich, vielleicht erklärt es dieses Interview – … naja, jedenfalls auch eine Person des öffentlichen Lebens.

Nun gibt es in Deutschland ein ungeschriebenes Gesetz, eine Sache, die unweigerlich dazu führt, dass die mediale Welt in Deutschland zu kochen beginnt. Immer, wenn eine öffentliche Person irgendetwas sagt oder tut, dass sich auch nur im entferntesten auf die Zeit des Nationalsozialismus bezieht, geht medial die Post ab.  Ganz egal ob im Steuerstreit mit der Schweiz, in der Dikussion um die Stammzellenforschung,  bei Martin Walser, Eva Hermann oder Guido Westerwelle.

Ich hatte jedenfalls genau diese Fälle im Kopf, als ich vor ein paar Wochen diesen Beitrag auf dem Czyslanski-Blog gelesen habe. Das Posting beinhaltet einen Brief, der als Replik Henkels auf diesen Beitrag von Schirrmacher gewertet werden kann. Im Czyslanski-Beitrag bezichtigt Henkel  den Herrn Schirrmacher – zumindest nach meiner Interpretation – Nazi-Rhetorik zu verwenden, um ihn (Henkel) zu entmenschlichen und fertig zu machen. Kostprobe:

Dieser fatale Wahn, so Schirrmacher, hat uns bereits „zu infizieren begonnen“, und zwar „in unheimlicher Schnelligkeit, und das Sonderbare ist, dass wir es akzeptieren“. Auch die Metapher der ansteckenden Krankheit erinnert an totalitäre Propaganda, die den Volkskörper von Infektionen bedroht sah, gegen die nur radikale Maßnahmen halfen.

oder weiter hinten:

Als Schlußpointe vertieft Schirrmacher diesen Gedanken, indem er ihm eine metaphysische Wendung gibt. Man habe nicht „viele Optionen“, um auf die Vernichtungsorgie und die Schuldigen „zu reagieren“, meint er. „Aber das, womit alle Geschichte begann, können wir: sagen, was Lüge ist.“ Ein lapidarer Satz, der, bei aller Dunkelheit, dem Autor die Rolle des Propheten zuteilt, seinen Gegnern, den Unglücksbringern und Sozialingenieursklonen, die der Lügner und Wahrheitsvertuscher. Vermutlich ist die Szene im Schöpfungsbericht gemeint, wo mit der Lüge Satans die Menschheitsgeschichte begann. Lügen, so das mythische Orakel, sind des Satans.

Dieser Meinung war übrigens der bereits erwähnte deutsche Reichskanzler auch. In seinem programmatischen Werk „Mein Kampf“ teilte er dem von ihm gehassten Volk als Hauptattribut die Lüge zu, womit bekanntlich die Geschichte des Nationalsozialismus begann.

Das ist doch ein Hammer, oder? Aber der noch viel größere Hammer ist, dass es offensichtlich kein Hammer ist, denn die Story wurde keine. Der Beitrag hat auf dem Blog (stand 1. März) „mickrige“ 7 Kommentare gezogen. Twitter? Fast nix, nur etwa 10 Tweets. Klassische Medien? Garnix.

Wie kann das sein? Warum wurde daraus keine Story? Hat man der Quelle misstraut (Habe mit einem der Macher gesprochen, der versichert hat, das das echt ist)? War der Brief zu lang, so dass ihn niemand wirklich gelesen hat? Hat die Headline des Blogposts nicht genug dramatisiert? Hat das Blog zu wenige Leser, die die kritische Masse für eine kommunikationstechnische Kettenreaktion bilden? Ist das ein perfider Effekt sozialer Massenpsychologie, dass Menschen diese Story nicht weitertragen, weil Sie fürchten in eine gewisse Ecke gestellt zu werden? Oder funktionieren Nachrichtenfaktoren im Social-Web nicht mehr (und wenn das so ist, was ist dann an ihre Stelle getreten)?

Vielleicht aber haben all die Kommunikationswissenschaftler den wichtigsten aller Nachrichtenfaktoren nicht berücksichtigt. Den Zufall. Ich für meinen Teil bin immer noch fassungslos, dass das keine Story geworden ist.

Bild: CC-by http://www.flickr.com/photos/looking4poetry/

4 Gedanken zu „Die Story, die nie eine wurde

  • Pingback: czyslansky » Die Schirrmacher-Story, oder: Von der Relevanz des Bloggens

  • 03/03/2010 um 05:47
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    Wer außer einer selbstempfundenen Elite kann und will die mit Sprachschwurbeleien garnierten Unverschämtheiten der Herren Schirrmacher und Henkel schon verstehen? Der eine startet den mißlungenen Versuch, mit Dumpfheiten die arme Volksseele gegen bestimmte Personen in Stellung zu bringen, der andere rechnet damit – am mageren Widerhall ist abzulesen, daß dies ebenfalls nicht gelungen ist – das eigentlich in Deutschland als Totschlagargument wirksame Zuordnen zur Sprache des Unmenschen werde schon Wirkung zeigen. Substantielle Erklärungen liefern die beiden Kontrahenten so gut wie nicht, nicht weil sie’s nicht können, sie wollen’s gar nicht. Die immer noch frei herumlaufenden und weiterhin abzockenden Krisenverursacher können sich die Hände reiben, sie haben zwei kongeniale Verdunkelungskomplizen gefunden.

    Antwort
  • 03/03/2010 um 00:39
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    @wo kann ich – das habe nicht ich geschrieben, sondern es ist ein Zitat aus der Replik Henkels an Schirrmacher. Folge dem Link im Posting zum originalen Text auf dem Czyslanski-Blog 😉

    Antwort
  • 03/02/2010 um 18:10
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    „Man habe nicht „viele Optionen“, um auf die Vernichtungsorgie und die Schuldigen „zu reagieren“, meint er“ – was meinst du damit?

    Antwort

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