Liebe Journis: Kehrt vor der eigenen Haustür

Die Debatte um die Welle von Vorteilsnahmen von BP Wulff nimmt bizarre Züge an. Klar, kommunikatorisch ist Wulff die Sache “semioptimal” angegangen, aber der Genuss, mit dem mancher Kollege der schreibenden Zunft die Verfehlungen des höchsten Amts im Staate zerpflückt ist schon bemerkenswert. Natürlich haben die Medien alles Recht und auch die Pflicht, diesen Dingen nachzugehen, aber das Problem daran ist die Doppelmoral. Denn wer im glücklichen Besitz eines Presseausweises ist, der kann sich viele nette kleine Annehmlichkeiten wulffen, wie man ja jetzt  Neudeutsch sagt.

Viele große und kleine Unternehmen bieten Journalisten erhebliche Rabatte, ja, es gibt sogar eigene Plattformen im Internet, wo sich der geneigte Journalist umsehen kann, wo er die fettesten Vorteile abgreifen kann.

Der PR-Value solcher Aktionen ist unbestritten, aber ich frage mich schon: Inwieweit tragen diese Rabatte dazu bei, dass Journalisten im Anschluss ein ausgewogenes und kritisches Bild transportieren? Es ist ganz so, wie Götz Aly schreibt:

Derzeit verlangen viele von ihnen „vollständige Transparenz“ von Wulff, während sich zehntausende Medienleute in aller Stille ihrer Rabatte und kleinen Vorteile erfreuen. Diese Rabatte werden niemals uneigennützig gegeben; der einzelne Journalist verdankt sie nicht eigenem Verdienst, sondern der generellen Machtposition, die Medien in der Öffentlichkeit zukommt. Der Fall Wulff ist eine schöne Gelegenheit, vor der eigenen Türe zu kehren.

Mein persönlicher Liebling ist übrigens die Seite pressekonditionen.de. Die hat auch noch eine Kommentarfunktion, in der die Journis (oder zumindest die Besitzer eines Presseausweises) kommentieren, ob Sie mit dem Rabatt auch zufrieden sind. Beim Stöbern in den Kommentaren kann man tief blicken.

 

Bild: CC-BY f650biker on Flickr

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Flo

There are 3 comments. Add yours

  1. 27th Februar 2012 | Peter says: Antworten
    Interessanter Artikel, vielen Dank dafür. Jetzt nach dem rücktritt Wulffs bekommt das ganze auch noch einen faderen Beigeschmack finde ich. Viele sollten sich da mal an die eigene Nase fassen...Der beste Kommentar, den ich nach Wulffs Rücktritt gelesen habe war : "Wulff tritt zurück - Schachmatt - Springer schlägt König." Der Spruch spricht meiner Meinung nach Bände...
  2. 20th März 2012 | leipziger says: Antworten
    Presserabatte sind eine schöne Sache ;-) Wulff ist aus meiner Sicht "gestolpert", weil er eine schlechte Strategie gefahren ist. Karten offen auf den Tisch, ohne Versuche bestimmte Fakten nachträglich vertuschen zu wollen, das hätte gut ausgesehen und sofort Ruhe gebracht. Doch wenn einmal der Staatsanwalt ermittelt ...
  3. 28th März 2012 | Vanessa says: Antworten
    Ich denke auch, dass ein reiner Tisch von Anfang an der Debatte sofort Abbruch getan hätte. Hätte Herr Wulff sofort mit offenen Karten gespielt, hätten wir jetzt nicht den bereits einmal gescheiterten (Bei der Wahl) Herrn Gauck vor der Nase...

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